Einsatz in Ravensburg

Einsatz in Ravensburg / Lufttransport der ATF


Beladen des Polizeihubschraubers, Typ EC 155, am Regionalflugplatz Mannheim-Neuostheim Fotos: Mario König, Dr. Ralph Rudolph

Am 23.03.2011 ereignete sich in der Metzgerstraße in Ravensburg ein Brand, der seine Kreise bis ins gut 250 km entfernte Mannheim ziehen sollte.

Gegen 13.40 Uhr am Mittwoch, dem 23.03.2011, erhielt die Analytische Task Force (ATF) am Standort Mannheim auf Initiative des leitenden Notarztes eine Einsatzanforderung nach
Ravensburg. Entsprechend der Erstmeldungen waren dort bei einem Brand Hinweise auf Sarin (ein potentieller C-Kampfstoff) erhalten worden, mehrere Personen -Einsatzkräfte wie auch Anwohner- befänden sich in klinischer Behandlung. Die Analytische Task Force ist eine Einrichtung des Bundes mit hoch spezialisierten mobilen Einsatzkräften mit herausragenden Fähigkeiten auf dem Gebiet der chemischen Analytik, die zum Einsatz kommen, wenn die Möglichkeiten der kommunalen Gefahrenabwehr in Verantwortung der Länder erschöpft sind. Einer der sieben Standorte liegt in Mannheim, im Norden Baden-Württembergs.

In Rücksprache mit der zuständigen integrierten Leitstelle wurde beschlossen, die Soforteinheit der ATF Mannheim mittels Luftverlastung nach Ravensburg zu verlegen. Das Konzept des Lufttransports mittels Hubschrauber existiert in Mannheim schon seit den 1990er-Jahren, ursprünglich aus dem System MEDITOX heraus [2, 3]. Danach können bei zeitkritischen Einsätzen ein Umweltdienst-Beamter (Chemiker, Chemie-Ingenieur, Strahlenschutzingenieur o. Ä.) und ein Gerätebediener mit einem mobilen GC/MS-Analysensystem und weiteren mobilen Analysenund Messgeräten in einem Rettungs- oder Polizeihubschrauber schnell an die Einsatzstelle transportiert werden. Der GWMess als entsprechendes Trägerfahrzeug sowie weitere Unterstützung werden dann auf dem Straßenweg nachgeführt. Der hier beschriebene Einsatz ist der dritte praktizierte dieser Art.

Der Landeplatz am Elisabethen-Krankenhaus Ravensburg mit den bereitgestellten Einsatzfahrzeugen

Mit der Fliegerstaffel der Landespolizei existieren spätestens seit dem NATO-Gipfel 2009 gute Kontakte, daher wurde zur Durchführung des Einsatzes bei der Polizei ein Hubschrauber
angefordert. Der Treffpunkt war der Regionalflugplatz Mannheim, an dem Personal und Gerät aufgenommen wurden.

Nach etwa fünfundvierzigminütigem Flug wurde der Landeplatz am Elisabethen-Krankenhaus in Ravensburg erreicht. Gemäß Absprache stand dort ein KTW ohne Trage bereit, in den das auf einem Tragerahmen montierte GC/MS-System einfach umgeladen und verkehrssicher transportiert werden konnte.

Bei Ankunft im Bereitstellungsraum und Einweisung in die Lage wurde bekannt, dass der brennende Lagerschuppen früher zu einem Chemie-Betrieb gehörte. Im Verlauf der Messungen während des Brandeinsatzes war dann von einem Erkundungskraftwagen (ErkKW) mit einem lonenmobilitätsspektrometer (IMS) "GB" angezeigt worden, ein Hinweis auf den Phosphorsäureester Sarin (Methylfluorphosphonsäureisopropylester, CAS Nr. 107-44-8). Dieser Befund wurde durch einen weiteren, hinzugezogenen ErkKW bestätigt. Einerseits sind IMS-Geräte bekanntermaßen anfällig für Querempfindlichkeiten, das heißt Anzeige
eines bestimmten Stoffs auch durch andere als die Zielsubstanz,insbesondere bei Vorliegen komplexer Stoffgemische wie z. B. Brandrauch. Andererseits war auf Grund der Vorgeschichte der Lagerhalle der Befund nicht sicher auszuschließen. Vor Ort wurden daher unmittelbar an der Lagerhalle Luftproben auf Tenax-Gassammelröhrchen genommen und einer Analyse auf einem GC/MS-System vom Typ E2M zugeführt.

Der Erkundungstrupp der ATF Mannheim bereitet sich im Bereitstellungsraum Oberschwabenhalle auf den Einsatz vor

In den Analysen konnten keine Phosphorsäureverbindungen nachgewiesen werden. Diese ersten Ergebnisse wurden noch am Abend in einer Pressekonferenz bekannt gegeben. Nach Eintreffen der Verstärkungskräfte aus Mannheim wurde nochmals die Halle aufgesucht, und in einem gemischten Trupp mit Kräften der Feuerwehr Ravensburg und der ATF Mannheim eine eingehendere Untersuchung und Beprobung der Halle auch im Inneren durchgeführt. Dabei zeigte auch das mitgeführte IMS-Gerät aus Mannheim wechselnde Anzeigen von "GB" und "VX". In der ersten Auswertung dieser Proben waren ebenfalls keine Auffälligkeiten festzustellen.

Mit der örtlichen Einsatzleitung wurden die Analysenergebnisse und Plausibilitäten erörtert: Mehrere IMS-Geräte hatten einen Hinweis auf Sarin erbracht. Bei keiner der behandelten Personen waren manifeste Symptome für eine Sarin-Vergiftung festgestellt worden. Zahlreiche Einsatzkräfte hatten sich längere Zeit an der Einsatzstelle aufgehalten, ohne Symptome zu zeigen. Die GC/MS-Analyse zeigte keinen objektiven Sarin-Befund. Im Weiteren wurden die Gefahrenabwehrmaßnahmen eingestellt und der Bereitstellungsraum aufgelöst, die Kräfte der ATF Mannheim traten den gut dreistündigen Rückmarsch an. Am Standort Mannheim wurden die noch übrigen Proben ausgewertet. Außer verschiedenen Kohlenwasserstoff-Verbindungen, wie sie bei Bränden häufig sind, waren keine auffälligen
Substanzen nachweisbar.

Auswertung:
IMS-Geräte benutzen zum Stoff-Nachweis bestimmte, charakteristische Signalmuster der entsprechenden Zielverbinidungen. Bei Vorliegen komplexer Stoffmischungen kann es nun dazu kommen, dass durch Überlagerung der verschiedenen Signalmuster zufällig alle Signale eines bestimmten Musters vorliegen, wenn auch unterschiedlichen Ursprungs - in der Folge löst das IMS dennoch einen Alarm aus. Dies muss auch bei vorliegendem Einsatz der Fall gewesen sein, da weder durch Analysen der ATF Mannheim noch durch das Institut Jäger Phosphorwasserstoffverbindungen nachgewiesen werden konnten. Die Verantwortlichen des Einsatzes haben umsichtig und korrekt reagiert. Zur Bestätigung des Erstbefunds "Sarin" eines ErkKW wurde ein zweiter hinzugezogen. Die Einsatzkräfte wurden durch ein Merkblatt informiert und sensibilisiert. Zum weiteren Stoffnachweis bzw. Ausschluss wurden Spezialkräfte nachgefordert. Die Zusammenarbeit der verschiedenen, am Einsatz beteiligten Stellen, verlief aus Sicht des Verfassers reibungslos und kooperativ. Ein besonderer Dank an dieser Stelle nochmals der Fliegerstaffel der Landespolizei für den Transport.

Mario König
Dr. Ralph Rudolph
Stabsstelle ATF Mannheim
Feuerwehr Mannheim

© Brandhilfe 8/2011