ATF Übungsberichte (deutsche Version)

ATF Übungen in Deutschland und im Ausland


Die Übung „Eudrex“ und ihre Lehren

Erfahrungen für den Umgang mit dem EU-Mechanismus


Die im Oktober 2004 in der Nähe von Wiener Neustadt (Österreich) auf mehreren

Bergungsarbeiten des THW

Truppenübungsplätzen durchgeführte Übung „Eudrex“ war Teil einer ganzen Reihe von internationalen Übungen, die der Erprobung des EU-Gemeinschaftsverfahrens dienen. Der Sinn des EU-Gemeinschaftsverfahrens liegt darin, bei außergewöhnlichen Schadenslagen, bei der die Kräfte einer einzelnen Nation überfordert sind, eine möglichst reibungslose Zusammenarbeit von Hilfskräften aus den verschiedenen EU-Staaten zu ermöglichen.

Im Rahmen der Übung kamen rund 1.900 Ein- satzkräfte im fiktiven Tritolien zum Einsatz. Den Schwerpunkt stellten Kräfte aus Österreich, die im Verlauf der Übung durch Teams aus Bulgarien, der Tschechien, der Slowakei, Polen, Lettland und Deutschland verstärkt wurden. Das angenommene Schadenszenario war ein starkes Erdbeben, das eine Stadt mit viel industrieller Infrastruktur zerstört hatte. Dabei waren Forschungslaboratorien eines Pharmabetriebes betroffen, der sich mit der Herstellung von Impfstoffen befasste (B-Lage), es gab Schadenslagen mit Strahlern, die zu finden und zu bergen waren, und es wurden eine Reihe von Szenarien eingespielt, bei denen Bergungsarbeiten im Zusammenhang mit der Freisetzung von Chemikalien notwendig waren.

Das zur Übung entsandte deutsche Kontingent bestand aus einer Bergungseinheit SE-BABC des THW, die Bergungsmaßnahmen unter ABC- Schutz erprobte, Einsatzkräften der SEEBA (Schnell-Einsatz-Einheit-Bergung-Ausland) und einer Gruppe der Feuerwehr Mannheim (Berufs- und Freiwillige Feuerwehr), die mit ihrer ABC-Erkundungskomponente das THW unterstützen sollte. In den zweieinhalb Tagen, in denen die rund um die Uhr laufende Übung stattfand, wurden die Kräfte des deutschen Kontingents an acht verschiedenen Schadensplätzen eingesetzt.

Sanitätsdienstliche Versorgung durch ABC- und Bergungskräfte

Die Sondereinheit-Bergung ABC (SE-BABC)

Aufgrund der veränderten Bedrohungslage entstand beim THW die Überlegung, Einheiten aufzustellen, die die klassischen Aufgaben des THW auch bei Schadenslagen durchführen können, bei denen mit ABC-Gefahren zu rechnen ist. Die SE- BABC setzt sich personell und ausstattungsmäßig aus einem Zugtrupp zur Führung der Einheit, der 2. Bergungsgruppe eines technischen Zuges, der Fachgruppe Räumen und der Fachgruppe Ortung zusammen. Zum Eigenschutz besitzt die SE-BABC eine einfache Spürausstattung und eine Komponente zur Eigendekontamination.

Die Analytische Task Force (ATF)

Die im Verlauf der „Eudrex“ eingesetzt ABC- Erkundungskomponente der Feuerwehr Mannheim ist ein Baustein der durch das BBK seit 2004 als Pilotprojekt an vier Standorten geförderten Analytischen Task Force. Die Aufgabe der ATF besteht darin, bei großen oder komplizierten Lagen, die im Zusammenhang mit der Freisetzung von Chemikalien stehen, der jeweiligen Einsatzleitung Unterstützung anzubieten. Dazu verfügen diese Einheiten über eine umfangreiche analytische Ausstattung, mit der u.a. auch Stoffidentifikationen möglich sind.

Aufgaben der ABC-Erkundungskomponente
Bei der B-Schadenslage in einem fiktiven Pharmabetrieb bestand die Aufgabe darin, Proben zu nehmen und versandbereit zu verpacken. In Unterstützung durch die Operationszentrale des THW und das GMLZ wurden mögliche Laboratorien zur Auswertung benannt und im Rahmen der Übung auch verständigt. Bei der A-Schadenslage waren Strahler zu suchen, der Gefahrenbereich korrekt abzusperren und eine Taktik zur Menschenrettung zu erarbeiten, bei der die Einsatzkräfte möglichst geringen Dosen ausgesetzt waren. In weiteren Übungen mit Methanol- und Ammoniakfreisetzung bestand die Aufgabe darin, die zur Bergung eingesetzten Einsatzkräfte messtechnisch zu unterstützen bzw. die gefährdeten Bereiche einzugrenzen. Um die Lage realistisch darzustellen, wurden in allen Szenarien Chemikalien, wenn auch in kleineren Mengen, für die Messungen freigesetzt.


Die Erfahrungen


Die nachfolgend beschriebenen Erkenntnisse beleuchten die Erfahrungen aus der Sicht der ABC-Erkundungskomponente. Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die im Vorfeld erprobte Technik und Taktik eine Bewältigung der gestellten Aufgaben ermöglichte.

Eigendekontamination ➔ Eine einfache Ausstattung zur Eigendekontamination ist zwingend notwendig, da sonst ein sicherer Einsatz erst möglich ist, wenn Dekon-Trupps anderer Einheiten verfügbar sind, was mehrere Stunden dauern kann. Sinnvollerweise wird eine kompakte, aber leichte Ausstattung, die vielfältig verwendbar und mit wenig Personal einsetzbar ist, mitgeführt.

Datenbanken ➔ Beim Einsatz digitaler Datenbanken ist es hilfreich, wenn auch eine Ausgabe in englischer Sprache möglich ist, um die Kommu- nikation mit den nicht Deutsch sprechenden Einsatzkräften zu erleichtern.

GPS ➔ Der Einsatz kleiner, mobiler GPS-Systeme zur Ortsdefinition im Gelände war sehr vor- teilhaft, da anders eine Angabe des Ortes von Probenahme oder Messung nicht möglich gewesen wäre. Auch ist bei Auslandseinsätzen nur selten Kartenmaterial vorhanden, aus dem man UTM-Koordinaten entnehmen kann. Durch den Einsatz der mitgeführten Technik konnten loka- le Karten bzw. Luftbilder digitalisiert und geore- ferenziert werden.

Kennzeichnung der Führungskräfte ➔ Nachteilig war die unzureichende Kennzeichnung der Team-Leader. Nur im deutschen Team gab es ei- nen mit gelber Weste provisorisch gekennzeichneten „Einsatzleiter“ was im Auslandseinsatz durch Team-Leader oder einen anderen, noch zu definierenden Begriff zu ersetzen ist.

Fremdsprachen ➔ Es muss sichergestellt sein, das alle Teammitgliederzumindest grundlegende und die Team-Leader gute Englischkenntnisse besitzen, ansonsten ist eine vernünftige Kommunikation im Verlauf eines Einsatzes nicht möglich. Die im Rahmen des EU-Gemeinschaftsverfahrens geforderten Sprachkenntnisse konnten leider nicht von allen Beteiligten erbracht werden.

Einsatzstellenkennzeichnung ➔ Zur Kennzeichnung von Schadenslagen im Gelände, bei denen mit dem Auftreten von ABC-Gefahren zu rechnen ist, gibt es kein international eingeführtes System. Einzig für den Einsatz von SAR-Teams gibt es INSARAG- Guidelines (International Search and Rescue Advisory Group of the United Nations), die weltweit als Standard für den Bergungseinsatz anerkannt sind. In Analogie zu diesem Kennzeichnungs- system wurden Entwürfe ausgearbeitet, wie eine Kennzeichnung bei ABC-Lagen aussehen könnte. Die Vorschläge werden zurzeit geprüft.

Teamgröße und Ausstattung ➔ Der Personalansatz von fünf Personen für die ABC-Erkundung war für die gestellten Aufgaben und die eingesetzten Geräte ausreichend. Die mitgeführte technische Ausstattung, die im Wesentlichen aus dem  Erkundungskraftwagen und einigen zusätzlichen Messgeräten bzw. einer erweiterten Probenahmeausstattung bestand, hat sich bewährt und erscheint für die gestellten Aufgaben geeignet.

Da keine Stoffidentifikation auf analytischem Weg notwendig wurde, was im Rahmen der Übungsvorbereitung abgesprochen war, war die eigene mitgeführte Ausstattung ausreichend. In Realeinsätzen, bei unbekannter Lage, ist aber davon auszugehen, dass eine umfangreichere Ausstattung mit einem Gaschromatograph-Mas- senspektrometer, weiteren Messgeräten und der notwendigen Instandsetzungsausstattung mitzuführen ist. In diesem Fall ist auch der Personalansatz entsprechend zu erhöhen.

Im Rahmen der Übung hat es sich als sinn- voll herausgestellt, dass die Ausstattung des deutschen Teams Komponenten für atomare, biologische und chemische Gefährdungen enthielt. Bei einigen Szenarien kam es vor, dass Einsatzstellen anderer Einheiten übernommen werden mussten, die ausschließlich eine Strahlenschutzausstattung oder eine Ausstattung zur Detektion von C-Gefahren besaßen, die Lage aber die jeweils fehlende Komponente erforderte. Die mitgeführte B-Probenahmeausstattung konnte an einer Schadensstelle erprobt werden.

Versorgung ➔ Da sowohl für die Unterkunft, als auch für dieVerpflegung von Seiten der Übungs- leitung gesorgt wurde, mussten hier keine eigenen logistischen Vorkehrungen getroffen werden. Im Realeinsatz ist hierfür ein entsprechender Material- und Personalansatz für das eigene Team vorzusehen. Die Zeit völliger Autarkie auch im Bereich der Kraftstoffversorgung wird üblicherweise auf mindestens 72 Stunden Einsatzdauer ausgelegt und würde im Realeinsatz durch Komponenten des THW gestellt werden. Zur Sicherstellung einer ausreichenden medizinischen Versorgung, auch in der Erstphase am jeweiligen Übungsort, war es für jedes Team verpflichtend, Personal mit rettungsdienstlicher Ausbildung zu integrieren, was in dieser Übung durch Personal der Feuerwehr übernommen wurde.

Kommunikation ➔ Die lokale Kommunikation wurde durch den üblichen BOS-Funk und Mobiltelefone sichergestellt. Nach einer Verstärkung des Mobilfunknetzes durch den lokalen Mobilfunkanbieter war jederzeit eine gute Datenübertragungsrate auch über GPRS nach Deutschland möglich. In realen Schadensze- narien ist von einer solchen Infrastruktur nicht auszugehen. Aus diesem Grund wurde auch Versuchsweise und mit Erfolg eine Satcom-Anlage zur Datenübertragung erprobt.


Fazit


Zusammenfassend lässt sich sagen, dass beide Komponenten des deutschen Teams sehr viele Erfahrungen aus der Übung ziehen konnten, die sowohl für den nationalen, wie internationalen Einsatz hilfreich sein werden. Lehrreich waren auch die Erfahrungen, die im Umgang mit dem EU-Mechanismus und der Einbindung in die lokalen Führungsstrukturen gesammelt werden konnten. Nicht zuletzt kann festgestellt werden, dass die flächendeckend beim deutsch Zivil- und Katastrophenschutz vorgehaltene Ausstattung sich bei unseren europäischen Nachbarn sehen lassen kann, auch wenn es noch eine ganze Reihe von Verbesserungsmöglichkeiten gibt.



EURATECH 2005

        Eine Dokumentation der EU-Übung von Mario König und Karl-Heiz Knorr


Im April 2005 fand in Frankreich die groß angelegte Katastrophenschutzübung EURATECH 2005 mit einer angenommenen Schadstoffausbreitung und 700 Verletzten statt. Es wurden nicht nur die europäischen Melde- und Führungswege erprobt, sondern gleichzeitig auch Einheiten aus vier weiteren EU-Staaten vor Ort eingesetzt.

Vom 10. bis zum 14. April 2005 fand in Portes-les-Valence (Departement Drôme/Südfrankreich)  groß angelegte Katastrophenschutzübung EURATECH 2005 mit einer angenommenen Schadstoffausbreitung und 700 Verletzten statt, an welcher Karl-Heinz Knor von der Feuerwehr Bremen als Vertreter der Länder der Bundesrepublik Deutschland als Übungsbeobachter (»Observer«) und Mario König als Leiter des deutschen Einsatzteams teilnahmen.


Allgemeines


Die Zuführung kontaminierter Verletzter zu einer von italienischen Helfern aufgebauten Dekontaminationsstelle fand großes Interesse.

Die Übung EURATECH 2005 war durch folgende Randbedingungen geprägt:

  1. Punktlage (mit Schadstoffausbreitung),
  2. vier Übungsphasen an zwei Tagen, dabei realistisch gestaffelte Eintreffzeiten der Hilfskräfte,
  3. Führung der Einheiten durch eine TEL vor Ort,
  4. angenommene 700 Verletzte wurden durch 150 Unfalldarsteller simuliert,
  5. Einbindung von Polizeiaufgaben (Identifikation, Ursachenermittlung),
  6. Nutzung von Melde- und Führungswegen auf den Ebenen: lokal/regional, national, europaweit.

Beteiligt waren französische Einheiten (853 Teilnehmer mit 176 Fahrzeugen, fünf Hubschraubern und ein Transportflugzeug »Transall C-160«) und Einheiten aus den Ländern Belgien, Deutschland, Italien und Tschechien (74 Teilnehmer mit 20 Fahrzeugen, davon aus Deutschland 18 Teilnehmer mit sechs Fahrzeugen). Die deutschen Kräf- te setzten sich aus Feuerwehrangehörigen der Feuerwehren Ludwigshafen und Mann- heim sowie aus Helfern des THW zusam- men. Von der Bundeswehr (Luftwaffe) nah- men 22 Soldaten mit einem »Airbus A 310 MRT MedEvac« teil.

Als Ausgangslage wurde Folgendes angenommen: Ein Güterzug mit Gefahrgut (Flüssiggas, Mineralöl, druckverflüssigte giftige Gase, diverses Gefahrgut in Fässern und Paketen) ist im Bahnhof von Portes-les- Valence entgleist. Dabei ist es zum Austritt brennbarer Flüssigkeit und zum Folgebrand gekommen. Hierdurch ist ein BLEVE1 eines Kesselwagens ausgelöst worden, welcher einen entgegenkommenden Personenzug getroffen und dort zu einer großen Anzahl (Brand-) Verletzter geführt hat. Weiterhin hat der BLEVE toxische Gase freigesetzt, welche sich mit einer Windgeschwindigkeit von 20 km/h Richtung Portes-les-Valence ausbreiten. An der Unfallstelle kam es da- durch zur Kontamination von Verletzten und Eisenbahnmitarbeitern.


Zusammenarbeit der nationalen und internationalen Einsatzteams


Die Technische Einsatzleitung war im ELW 3 der Feuerwehr des Departments Drôme untergebracht

Die Zusammenarbeit der einzelnen Teams war konstruktiv und im Wesentlichen unproblematisch. Fernmeldetechnische Probleme traten im Einzelfall im Zusammenwirken der internationalen Einheiten un- tereinander und mit der französischen Einsatzleitung auf; der Grund lag in unterschiedlichen Kommunikationssystemen. Befriedigende Abhilfe konnte mit der Entsendung von Verbindungsbeamten in die Technische Einsatzleitung geschaffen wer- den. In der Praxis kam diesen Verbindungsbeamten schnell die Funktion eines Fachbe- raters für das Spezialgebiet der jeweiligen Einheit zu.

Einsatz des deutschen Teams
Der Aufgabenschwerpunkt des deutschen Teams lag in der Aufklärung und Bewertung der Gefährdungslage durch die freigesetzten Chemikalien. Dazu kam die vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe geförderte »Analytische Task Force« (ATF) der Feuerwehr Mannheim zum Einsatz, die hierbei von Einsatzkräften der Feuerwehr Ludwigshafen unterstützt wurde. Die Helfer des THW-Orts- verbandes Heidelberg übernahmen die Aufgaben »Dokumentation« und »Kommunikation«.

Mithilfe von zwei Erkundungskraftwagen und einem Vorläufer des im August 2005 bei der ATF einzuführenden optischen Fernerkundungsgerätes (FTIR = Fouriertransformierte Infrarot-Spektroskopie) wurde die messtechnische Überwachung des Stadtgebietes in Portes-les-Valence sichergestellt. Mit der in einem Zelt aufgebauten Analysentechnik wurden die von der Übungsleitung eingespielten unbekannten Substanzen identifiziert und mit einer entsprechenden Bewertung bis hin zu einer Ausbreitungsabschätzung an die Ab- schnittsleitung zurückgegeben.

Das beeindruckendste Einsatzmittel dieser Übung war zweifellos der Sanitäts-Airbus der deutschen Luftwaffe. In diesem Flugzeug, welches auf dem Flughafen Köln-Wahn binnen weniger Stunden abflugbereit stationiert ist, können sechs Patienten unter Intensivbedingungen und weitere 38 bis 56 Patienten liegend unter qualifizierten Krankentransportbedingungen weltweit transportiert werden.

Als deutscher Beitrag nahm auch der Airbus A 310 MedEvac der Luftwaffe an der Übung teil

Die sehr gut vorbereitete und durchgeführte Übung hat eines gezeigt: Kein Staat wird die denkbaren Herausforderungen der Zukunft allein bewältigen können. Der bestehende EU-Mechanismus zur Förderung einer verstärkten Zusammenarbeit bei Katastrophenschutzeinsätzen ist eine unverzichtbare Grundlage für die Mobilisierung von Einsatzteams, Experten und sonstigen benötigten Ressourcen. Die derzeitige Situation kann sowohl dezentral in den einzelnen EU-Staaten als auch zentral auf EU-Ebene optimiert werden.

Dezentral ist dies durch Maßnahmen, die den Einsatz bestimmter »für Europa vorgesehener« Einsatzteams in den einzelnen Mitgliedsstaaten fördern, möglich. Bei diesen Teams darf es sich aber nicht um ausschließlich hierfür aufgestellte Einheiten handeln, sondern bestehende Einheiten sind durch Ausbildung, Übungen und Ergänzung der Ausrüstung zu befähigen, auf entsprechende Auslandseinsätze vorbereitet zu sein und sollten diese auch kurzfristig übernehmen können.

Eine zentrale Optimierung kann durch den Ausbau des MIC (Ausweitung der »Öffnungszeiten«), durch den Aufbau und die Pflege einer Datenbank, durch die Durchführung von Fortbildungsveranstaltungen und Übungen sowie durch die Organisation von geeigneten Lufttransportkapazitäten erfolgen. Insbesondere der letzte Punkt würde die Eingreifzeiten der internationalen Teams deutlich verkürzen und sie zu wirklichen »Schnellen europäischen Eingreifeinheiten« machen.


 Einsatz für die ATF

         Erfahrungsbericht zur Übung EURATECH von Mario König


Das Übungsszenario war realitätsnah dargestellt

Nachdem im Rahmen der Übung EUDREX im September 2004 erste Erfahrungen gesammelt werden konnten, bot im April 2005 die Übung EURATECH im Rahmen des EU- Gemeinschaftsverfahrens die Möglichkeit, die vorgenommen Änderungen und neu eingeführten Verfahrensweisen und Techni- ken des deutschen Teams zu erproben.

Die im Verlauf der EURATECH eingesetzt Gruppe zur ABC-Aufklärung ist eine Teileinheit der durch das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) seit 2004 als Pilotprojekt bei der Feuerwehr Hamburg, der Feuerwehr Mannheim, dem Landeskriminalamt Berlin und dem Institut der Feuerwehr des Landes Sachsen-Anhalt in Heyrothsberge geförderten »Analytischen Task Force« (ATF). Die Aufgabe der ATF besteht darin, bei großen oder komplexen Lagen, die im Zusammen- hang mit der Freisetzung von Chemikalien stehen, der jeweiligen Einsatzleitung Unterstützung anzubieten. Dazu verfügen die Einheiten über eine umfangreiche analytische Ausstattung, mit der unter anderem auch eine Stoffidentifikationen möglich ist. Da die Feuerwehr Ludwigshafen ebenfalls über Personal verfügt, das sehr intensiv in der Vor-Ort-Analytik geschult ist, begleiteten Feuerwehrangehörige aus der Nachbar- stadt das Mannheimer Team als Verstärkung.


Übungsaufgaben für das deutsche Team


Im Gegensatz zur EUDREX war im Rahmen der Übung EURATECH nur ein Schadenereignis zu bewältigen, das aber von seinem Umfang und seiner Komplexität her eine deutlich größere Dimension hatte. Im Rahmen der Übung waren für das deutsche Einsatzkontingent verschiedene Aufgabengruppen zu bearbeiten. Als erstes musste eine Reihe unbekannter Substanzen identifiziert und bewertet werden. Zu den jeweils identifizierten Inhaltsstoffen führten die Einsatzkräfte zudem Datenbankrecherchen durch, um die übergeordnete Führungsstelle über Gefahren und Eigenschaften der Stoffe beraten zu können.
Zur Abschätzung von Folgereaktionen spielte die Übungsleitung zwei Fälle ein, bei denen es zu chemischen Reaktionen kam, in deren Verlauf neue Substanzen entstanden. Die Fragestellung war: welche Substanzen entstehen, wie sie zu bewerten sind und wie sie nachgewiesen werden können?
Beim Thema Ausbreitungsabschätzung wurden die Ergebnisse der Teams verglichen. Auf deutscher Seite kam das verbreitete MET-Modell zum Einsatz; die Ergebnisse waren dabei in guter Übereinstim- mung mit den Ausbreitungsabschätzungen der französischen Einsatzkräfte. Schließlich waren Maßnahmen im Bereich Schad- stoffdetektion gefordert. Hier bestand die Aufgabe in der Überwachung des Stadtgebietes mit den beiden Erkundungskraftwa- gen und dem IR-Fernerkundungsgerät. Da keine realen Messungen möglich waren, auch nicht mit Simulantien, blieb dieser Übungsteil etwas theoretisch. Im unmittelbaren Gefahrenbereich der Kesselwagen führte ein Trupp unter Chemikalienschutz- anzügen Messungen mit Ex-Messgeräten bzw. elektrochemischen Messgeräten durch.

Aufbau des ATF-Standortes mit Laborzelt und Kommunikationsfahrzeug

Das deutsche Team bestand aus vier Angehörigen des THW-Ortsverbandes Heidelberg und 16 Einsätzkräften der Feuerwehren, die je zur Hälfte von der Berufsfeuerwehr Ludwigshafen und der Berufs- bzw. Freiwilligen Feuerwehr Mannheim gestellt wurden. Es war das Ziel, den Personalansatz möglichst gering zu halten, um zum einen die entsendenden Dienststellen nicht zu sehr zu schwächen und um zum anderen, um den logistischen Aufwand so klein wie möglich zu halten. Außer Führungskräften wurden Einsatzkräfte zur Bedienung der Fahrzeuge und für abgesetzte Aufgaben wie Probenahme und Vor-Ort-Messungen mit Messtechnik benötigt sowie Personal zur Bedienung der stationä- ren Labormesstechnik. Nicht zuletzt war Personal zur Sicherstellung der geeigneten Infrastruktur und für die Aufgaben »Kommunikation« und »Dokumentation« erforderlich.

Ein Mannschaftstransportfahrzeug des THW mit fernmeldetechnischer Ausstattung diente zur Dokumentation und lokalen Kommunikation bzw. zur Verbindung nach Deutschland. Für die flächendeckende Auf- klärung wurden zwei leistungsgesteigerte Erkundungskraftwagen des Katastrophenschutzes aus Ludwigshafen und Mannheim und ein Trägerfahrzeug für das Fernerkundungsgerät eingesetzt. Die Ausstattung für das stationäre Feldlabor wurde in einem Lkw Dekon-P transportiert. Ein Kommandowagen rundete den Fuhrpark ab, ohne jedoch in den Übungsablauf tatsächlich eingebunden zu sein.


Erfahrungen


Die ABC-Erkundungsfahrzeuge aus Mannheim (links) und Ludwigshafen dienten zur Flächenaufklärung

Kommunikation
Die Nutzung des Vier-Meter-Band-Sprechfunkverkehrs war anfangs problematisch. Hier konnte erst durch Improvisation eine ausreichende Funkqualität sichergestellt werden. Der Einsatz von Mobiltelefonen war hingegen zur lokalen Kommunikation in Frankreich und zur Verbindung zu deutschen Stellen erfolgreich. Da weder die Infrastruktur des lokalen Telefonbetreibers zerstört war, noch die Leitungen durch ein reales Ereignis überlastet waren, ist dieser Sachverhalt nicht verwunderlich, im Realeinsatz ist dies jedoch nicht zu erwarten.

Analytische Ausstattung
Zur Handhabung besonders gefährlicher Chemikalien wurde auch eine so genannte Glovebox mitgeführt. (Was ist das?) Hier konnten Erkenntnisse gewonnen werden, um das System technisch weiter entwickeln zu können. Im Rahmen der Stoffanalyse wurde das Ionenmobilitätsspektrometer (IMS) im Rahmen seiner Möglichkeiten unterstützend für das Massenspektrometer (GC/MS) bei den Voruntersuchungen eingesetzt. Soweit mit einem GC/MS auswertbar, konnten alle Proben identifiziert werden. In den Fällen, in denen wässrige Lösungen zum Einsatz kamen, wurde eine Eingrenzung auf definierte Stoffgefahren vorgenommen.
Als Ersatz für den nicht für den Auslandseinsatz vorgesehenen GW-Mess wurde ein Dekon-P-Zelt modifiziert, um als Feldlabor eine Probenaufarbeitung, Analyse und Bewertung der Proben zu ermöglichen. Der Aufbau des Laborzeltes inklusive der Innenausstattung wurde im Rahmen der Übung erstmals erprobt. Die Grundpla- nung hat sich bewährt und aus den gewon- nenen Erkenntnissen heraus kann das System weiter optimiert werden, insbesondere im Bezug auf die Arbeitsabläufe innerhalb des Zeltes, als auch was die Arbeitsbedingungen, wie z. B. die Klimatisierung, angeht.

Informationsquellen
Im Rahmen der Übung nahmen die Einsatzkräfte Kontakt mit den Systemen Meditox (Medizinisch-Toxikologische Informationszentrale für Gefahrgutunfälle des Landes Baden-Württemberg) sowie TUIS (Transport-Unfall-Informations- und Hilfeleistungssystem der chemischen Industrie) als Expertennetzwerke auf. Daneben wurden über die Feuerwehr Ludwigshafen Institu- tionen des Fachberatungssystems des Landes Rheinland-Pfalz in die Lagebeurteilung einbezogen. Die Kontakte konnten im Rahmen der Übung mittels E-Mail sowie Mobiltelefon realisiert werden. Die Aufgaben wurden von den betroffenen Institutionen durchweg zeitnah bearbeitet.

Die nationalen Ressourcen zur Informationsbeschaffung vor und während des Einsatzes sind noch zu optimieren. Hierzu werden von den Betroffenen die Erfahrungen ausgewertet, welche Informationsbedürfnisse in welcher Phase existieren und welche Informationsquellen hier die besten Informatio- nen in möglichst kurzer Zeit liefern können.

Auswahl des Einsatzteams
Für die Auswahl der Teammitglieder im Rahmen der Übung galt vom Prinzip her das Gleiche wie für die Auswahl im Einsatzfall. Das bedeutet, dass im Vorfeld definitiv zu klären ist, welche Einheiten aufgrund ihrer Eignung für eine Auslandstätigkeit in Frage kommen. Folgende Kriterien sind dabei wesentlich:

  1. technische Ausstattung
  2. personelle Ausstattung (Ist diese ohne Vorlaufzeit immer sichergestellt ?)
  3. organisatorische Vorbereitung (Rüstzeit maximal sechs Stunden bis zum Abflug)
  4. Qualifikation (Fremdsprachenkenntnisse, fachliche Qualifikation, soziale Kompetenz).

Erfahrungsgemäß ist es auch für eine gute Zusammenarbeit wichtig, dass sich die Teammitglieder bereits im Vorfeld des Einsatzes kennen gelernt haben und über eine gewisse Routine im Umgang miteinander verfügen. Insbesondere im Bereich der Feuerwehren und der Bundesländer ist hier ein Umdenken zwingend notwendig, und es ist zu überlegen, ob die bisherige Vorgehensweise in Zukunft noch zielführend ist.

Französische und deutsche Kräfte bereiten sich auf den gemeinsamen Einsatz vor

Transportlogistik
Falls es zu einem effizienten Einsatz auch in entfernteren Gebieten kommen soll, ist es notwendig, eine entsprechende Transportlogistik vorzubereiten, um eine schnelle Verfügbarkeit im Einsatzraum sicherstellen zu können. Bei einer Vorlaufzeit von maximal fünf Stunden bis zur Sicherstellung der Einsatzbereitschaft am Standort sollten an- schließend nicht mehr als fünf bis sechs Stunden Marschzeit benötigt werden, um das Zielgebiet zu erreichen. Zum einen ist insbesondere bei ABC-Schadenlage ein zeitnahes Eingreifen unabdingbar, zum anderen stellen sehr lange Fahrten sowohl für die Fahrzeuge, wie auch für die Mannschaft ei- ne erhebliche Belastung dar. Das bedeutet, dass bei größeren Entfernungen eine Luftverlastbarkeit zu prüfen ist. Das Material der »Analytischen Task Force« (ATF) kann komplett im Europalettenmaß verlastet werden.

Interne Dokumentation
Eingehende Informationen zur aktuellen Lage sind generell mit Datum und Uhrzeit des Eingangs zu versehen. Diese Aufgabe kann durch das Dokumentationspersonal wahrgenommen werden. Bei dieser Gelegenheit ist der Eingang des Dokumentes auch zu dokumentieren. Wird das Dokument mit einem Eingangsvermerk versehen, so ist auch leicht zu erkennen, wie aktuell ist die Meldung ist, bzw. in welcher Reihenfolge die Meldungen eingegangen sind.

Einbindung des THW
Die Einbindung des THW war sehr gelungen. Im Verlauf der Übung und im Rahmen der Nachbetrachtung ergeben sich aus Feuerwehrsicht folgende Aufgabenfelder, bei denen durch das THW eine optimale Unterstützung der „Analytischen Task Force“ im Ausland möglich ist:

  1. Beschaffung von Unterkunft, Ausstattung mit Versorgungsgütern, Sicherstellung einer ausreichenden Stromversorgung (kurz: Infrastruktur)
  2. Sicherstellung der Kommunikation zur Sprach- und Datenübertragung lokal und international
  3. Sicherstellung der Einsatzdokumentation inklusive Lagedarstellung und Lageauswertung.

Resümee


Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die gestellten Aufgaben sowohl bei der Übung EUDREX wie auch bei der Übung EURATECH bewältigt werden konnten. Die Veranstaltungen wurden als Möglichkeit betrachtet, die Technik und die Organisationsstrukturen der ATF auf Tauglichkeit zu untersuchen. Es ergaben sich eine Reihe von Erkenntnissen, die zu einer Optimierung des Einsatzablaufs auch bei Einsätzen im Inland umgesetzt werden können.